Jede Löschung hinterlässt eine Spur. Auf einer rein materiellen, phänomenalen Ebene ist dies vielleicht die wesentlichste Eigenart der mechanischen Schreibmaschine im Gegensatz zur elektronischen Textverarbeitung. Es gibt keine Löschtaste. Dass Wolfram Hölls Theatertext „UND DANN“ typographisch eine Schreibmaschine zitiert – und zwar mit all ihren Unregelmäßigkeiten, den verrutschten Buchstaben, der variierenden Anschlagstärke, unterschiedlichen Wortabständen und eben diesen Spuren der Löschung, den Mehrfachüberschreibungen –, ist auf der Ebene seines materiellen Erscheinens die zwingende Konsequenz dessen, dem sich der Text inhaltlich verpflichtet weiß: der Spur des Verschwindens.Jede Löschung hinterlässt eine Spur. Auf einer rein materiellen, phänomenalen Ebene ist dies vielleicht die wesentlichste Eigenart der mechanischen Schreibmaschine im Gegensatz zur elektronischen Textverarbeitung. Es gibt keine Löschtaste. Dass Wolfram Hölls Theatertext „UND DANN“ typographisch eine Schreibmaschine zitiert – und zwar mit all ihren Unregelmäßigkeiten, den verrutschten Buchstaben, der variierenden Anschlagstärke, unterschiedlichen Wortabständen und eben diesen Spuren der Löschung, den Mehrfachüberschreibungen –, ist auf der Ebene seines materiellen Erscheinens die zwingende Konsequenz dessen, dem sich der Text inhaltlich verpflichtet weiß: der Spur des Verschwindens.
Ein Kind spricht. Es spricht von den Häusern, den Betonhäusern, den Steinen am Spielplatz – von Gletschern gebracht, vom Vater, von der Mutter, es spricht von Ausflügen in die Stadt, den Paraden, der Erinnerung an die Paraden, erinnert sich der Erinnerung. Das Kind spricht. Und die Spur einer Abwesenheit, eines Verlusts durchzieht das Sprechen – anfangs noch völlig namenlos, eine anonyme Ahnung. Diese Spur des Verlusts, der Unwiederbringlichkeit streift umher, irrt als immaterielles, fast spukhaftes Phänomen, tonloses Echo durch Hölls Text, ohne je zu einem Ding, einer Etwas, zu einem Objekt der Anschauung zu werden. Fehlen, Vermissen, Verlust und Tod sind nur indirekt als Störung, Fehler oder Irritation anwesend abwesend. Sie beugen den Text, das Sprechen, ohne sich ihn ihm je zu spiegeln, ohne je als Gegenwart anzukommen. Als stumme Spur liegen sie vielleicht am ehesten in den Zeilenumbrüchen, den Wortschöpfungen, vielleicht im Tippfehler, vielleicht in der Wiederholung, vielleicht im Spiel der Zahlen.
Das Kind spricht, es erzählt und zählt die Plattenbauten, die großen Steine am Spielplatz, die Stockwerke und Klingelknöpfe, und ehe man sich’s versieht, ist man gefangen in einer Arithmetik des Verlustes, macht einen die Zahl traurig, verweist eine Drei immer auf die Vier, die leider nicht ist, und leidet die Zwei an der Drei, am Fehlen der Eins. Das Kind zählt, und kein Abzählreim ist zur Hand, der die Abwesenheit ungeschehen machen und das Verlorene zurückholen könnte, weil auch der Kinderreim an der Grenze des „…und raus bist du“ endet. Selten hat mich ein Text so traurig berührt und in seiner klugen Zartheit so froh gemacht.
Hölls „UND DANN“ ist ein Text über das Erinnern – „Erinnern“ im Sinne einer schwachen Kategorie, nicht als Habhaftwerden des Vermissten, moralische Aktivität, Verschleierung des Verlusts oder melancholisches Verweilen, sondern „Erinnern“ als Spur des Todes im Leben:  Das Du ist vom Sein ins Erinnert-Sein übergegangen. Der geliebte Mensch ist nicht mehr, und dann, dann ist der geliebte Mensch nichts anderes mehr als Erinnerung. In dieser Kluft, in diesem Und-dann, operiert Hölls Text. Und er tut dies mit beeindruckender sprachlicher Feinheit, mit Diskretion und wunderbarem Willen zur Form.

(Ewald Palmetshofer über Und dann)

Aufführungen
Leipzig
Weimar